Warum ich nicht alles teile | Und trotzdem authentisch arbeite

von | Praxis & Haltung

Was es bedeuten kann, Raum zu halten, statt sich zu zeigen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Authentizität entsteht nicht durch “alles teilen”, sondern durch Klarheit und Haltung.
  • Persönlich zu arbeiten heißt präsent zu sein, nicht privat.
  • Nähe entsteht, wenn der Fokus im therapeutischen Raum bei den Klient:innen bleibt.
  • Vertrauen wächst im Kontakt.

Alles für die Sichtbarkeit?

Es gibt Momente, in denen Authentizität mit Sichtbarkeit gleichgesetzt wird. Vor allem in den sozialen Medien kann leicht der Eindruck entstehen, dass Nähe dort entsteht, wo viel persönliches geteilt wird. Es werden Einblicke in den Alltag und die eigene Biografie gegeben. Für viele Menschen ist das stimmig und ich kann auch gut nachvollziehen warum.

Und gleichzeitig finde ich für mich einen anderen Weg. Nicht, weil ich Nähe vermeiden möchte, sondern weil ich gemerkt habe, dass Authentizität mehr Klarheit braucht. In dem Raum, wo mein Leben nicht im Vordergrund steht, auch wenn Sichtbarkeit oder Reichweite mit biographischen Erzählungen wahrscheinlich viel leichter herzustellen sind. Mein Leben darf sich außerhalb dieses Raumes abspielen, denn nicht alles, was mich ausmacht, gehört diesen Arbeitsraum.

Mit dieser bewusst getroffenen Entscheidung wende ich weder mich gegen die sozialen Medien, noch möchte ich mich kritisch gegenüber Menschen äußern, die sich dort persönlich zeigen. Es ist eine Haltung, die meine therapeutische Arbeit und meine therapeutischen Räume prägt, sowohl online als auch offline.

Persönlich sein ohne privat zu werden

In meiner Arbeit wünsche ich mir, dass der Fokus nicht zu mir wandert. Ich möchte, dass meine Klient:innen sich möglichst wenig mit mir beschäftigen.  Weder mit meiner Biografie, noch mit meinem aktuellen Leben und das nicht, weil das unwichtig wäre, sondern weil genau dies nicht Fokus des Raumes stehen sollte.

Ich wünsche mir einen Raum für Klient:innen, in dem sie über ihr eigenes Leben nachdenken. Das Gefühle da sein dürfen, ohne erklärt zu werden, und vor allem dass Empfindungen im Körper wahrgenommen werden können, auch wenn es vielleicht noch keine Sprache gibt. 

Den Fokus bei den Klientinnen lassen

Mit dieser Idee ist auch die Art meiner Präsenz in der Arbeit verbunden. Ich stelle mich über Aufmerksamkeit und nicht über Erzählungen zur Verfügung. Diese Aufmerksamkeit ist nichts rationales. Sie ist im Körper und in der Beziehung spürbar. Also, wie ich hinhöre, wie ich Pausen und den Raum halte. Ich denke, wenn mein eigenes Leben im Hintergrund bleiben darf, wird die Präsenz freier und vor allem klarer. Und ich nehme auch an, dass viele der Klient:innen das über ein Gefühl des Gemeint Sein spüren.

Therapie lebt von Beziehung. Und ja, diese Beziehung ist nicht gleich verteilt. Klient:innen bringen ihre Themen mit und ich halte den Rahmen und die Aufmerksamkeit. Es entsteht ein bekanntes Machtgefälle, oder anders, ein asymmetrisches Gefälle. Das muss kein Defizit sein. Es kann auch ein Teil in einem therapeutischen Prozess bedeuten, der zur Sicherheit beiträgt, vorausgesetzt Therapeut:innen sind dafür sensibilisiert und achtsam. 

Ich denke dabei vor allem an Menschen, die gelernt haben, sich an ihrem Gegenüber zu orientieren und Verantwortung für andere zu übernehmen, mehr als ihnen gut tut. Für sie kann diese Klarheit entlasten sein. Es können Räume entstehen, in denen der- oder diejenige bei sich bleiben darf, ohne auf mich Rücksicht nehmen zu müssen.

Natürlich kommt es vor, dass ich Persönliches gefragt werde. Und natürlich gib es hin und wieder Momente, in denen ich ein kleines Stück von mir zeige. Aber auch hier bleibt es in einem bestimmten Rahmen, da es in meiner Arbeit nicht um mich, sondern um die Klient:innen geht.

Erfahrung ohne biografischen Beweis

Ich denke, ich muss meine eigene Biographie nicht teilen, um Vertrauen zu erzeugen. Ich muss nicht berichten, was ich in meinem Leben überwunden habe oder “wie weit ich gekommen bin”, um als Therapeutin ernst genommen zu werden. Meine Arbeit wird nicht dadurch wirksamer, dass ich irgendetwas beweise. Das gilt meiner Ansicht nach übrigens auch für alle anderen Therapeut:innen dort draußen. 

Das, was trägt, ist etwas anderes. Eine Haltung, die sich über die Jahre geformt hat. Erfahrung, die sich nicht als Geschichte zeigt, sondern im Kontakt spürbar wird. In der Begegnung, wenn ich Klient:innen begleite. 

Ich bin überzeugt davon, dass Therapeut:innen sehr persönlich arbeiten können, ohne für mehr Klicks privat zu werden. Und darin liegt die Authentizität, die nichts beweisen muss. Eine, die nicht laut ist, sondern Raum eröffnet. 

Wenn du dich angesprochen fühlst, melde dich gerne für ein unverbindliches Vorgespräch mit mir unter: https://www.praxis-janinesimoes.de/kontakt/ . Ich freue mich, dich kennenzulernen!

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